Wie Strache einen FakeNews-Titel als Beweis für „Bevölkerungsaustausch“-Hetze nutzt

Redistanzierung – zurück zu den Wurzeln

2. Mai 2019.
Österreichs Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) hat längst erkannt, dass ihn die Distanzierung von der Identitären Bewegung (IB) extrem viele Stimmen kosten wird, denn die von ihm seit Jahren selbst propagierte rechtsextreme Verschwörungstheorie des „Bevölkerungsaustauschs“ ist unter dem Slogan „der große Austausch“ das Hauptthema der Identitären Bewegung und wird von vielen FPÖ WählerInnen ebenfalls geteilt. Die Solidarität zur IB ist unter dem FPÖ-Wahlvolk unübersehbar. Wegen „Straches Rückgratlosigkeit“ angekündigte Parteiaustritte und nach 20 Jahren das 1. Mal statt FPÖ weiß wählen zu wollen, lesen wir immer öfter.
Auslöser für Straches ohnehin unglaubwürdige Distanzierung waren mehrere Spenden des rechtsextremen Terroristen von Christchurch/NZ an die Identitären, der am 15. März 2019 50 Muslime ermordete und dessen Manifest den Titel „Der große Austausch“ trug. Auch der antisemitische Attentäter von San Diego/USA, der im April 2019 ein tödliches Attentat auf eine Synagoge verübte, phantasierte von einem von Juden gesteuerten Austausch der „weißen Rasse“. Auch sonst wird diese Verschwörungstheorie unter dem aus der NS-Zeit stammenden Begriffs der „Umvolkung“, ausschließlich nur von rechtsextremen bis antisemitisch/neonazistischen Kreisen wie der „AFP“ geteilt. Bei deren „Politischen Akademien“, bei denen das Publikum hauptsächlich aus Holocaustleugnern und Geschichtsrevisionisten besteht, sprachen ua. FPÖ-Politiker wie Johann Gudenus oder Hans-Jörg Jenewein, Abgeordneter zum Nationalrat und FPÖ-Mediensprecher. Jenewein hielt 2008 seine Rede direkt vor der mittlerweile wegen Wiederbetätigung verurteilten und inhaftierten Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck.

 

 

An jenem Tag also teilt Strache einen Artikel des Boulevardmediums oe24.at mit dem irreführenden Titel:

„Ranking 2018: Mohammed in Berlin beliebtester Vorname“

 

Strache steigert seine rassistische Angstmache, indem er, wie auch schon bei der „1. Mai Kundgebung 2019 der FPÖ“ im Linzer Bierzelt, zusätzlich von „Bevölkerungsverdrängung und Bevölkerungswechsel“ spricht. „Islamisierung“, vor 80 Jahren sprach man von „Verjudung“, darf in diesem Zusammenhang natürlich auch nicht fehlen.

Der Vizekanzler bezieht sich auf die völlig irreführenden Überschriften des copy/paste Artikels, der vor Fehlern nur so strotzt.

Dass „Mohammed“ niemals der häufigste Erstname in Berlin sein kann, versteht sich bei einem Moslemanteil von 9% eigentlich von selbst. Im 3. Absatz steht dann doch etwas von einer gesonderten Auswertung, die ergibt, dass Mohammed unter den türkisch-arabischen Vornamen auf Rang 1 liegen und sogar in Berlin der häufigste Vorname für Jungen sein soll.
Etwas widersprüchlich das Ganze und zudem auch noch falsch.
Oe24.at verweist auf eine Pressemitteilung der Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. (GfdS). Dort finden wir in den Rankings nirgendwo den Namen Mohammed. Bei den 15 beliebtesten Erst- u. Folgenamen für Jungen im gesamten deutschen Bundesgebiet ist kein einziger türkisch-arabischer Name aufgeführt, auch nicht in einer Vergleichsgrafik für den deutschsprachigen Raum.
Lediglich in einem Absatz wird erwähnt, dass Mohammed in all seinen Schreibweisen in manchen Bundesländern unter den Top 10 sei.
Also was steckt hinter dieser wirren Zahlenvermischung? Was sagen die Daten tatsächlich aus?

257 von 22.177 Jungen heißen Mohammed – AUSTAUSCH!!!

„Von den insgesamt 22 177 Jungen, die 2018 in Berlin geboren wurden, bekamen genau 280 den Namen Mohammed“, wird Dr. Andrea-Eva Ewels (GfdS) von der „Bild“-Zeitung zitiert. 280 Mohammeds? Wir haben uns die Daten von Berlinonline zu den häufigsten Vornamen in Berlin 2018 genau angesehen. Auf 280 kommen wir nur, wenn wir Mohammed in all seinen Schreibweisen auch als Zweit- u. Drittnamen mitberücksichtigen würden. Wir kommen auf 257 Mohammeds als Erstnamen, was bei 22.177 neugeborenen Jungen in Berlin gerade einmal 1,16% ausmacht. Nehmen wir die 280 der GfdS, wären dies auch nur 1,26%.
Bedenkt man, dass Berlin mit 9% den höchsten Moslemanteil in Deutschland besitzt (im Bundesdurchschnitt sind es ca. 5%-6%), kann von einer „Islamisierung“ oder einem „Bevölkerungsaustausch“ Deutschlands oder Berlins, alleine von den nackten Zahlen her, nicht einmal annähernd die Rede sein.

Doch es sind natürlich nicht nur Zahlen, es geht um Menschen. Es ist nichts als pure antiislamische/rassistische Hetze, die Heinz-Christian Strache hier betreibt. Einerseits sprechen die Zahlen ganz eindeutig gegen einen „Austausch“ oder eine „Islamisierung“. Andererseits unterstellt Strache Menschen muslimischen Glaubens pauschal negative Eigenschaften, das Ablehnen des Staates, seiner Gesetzgebung und die Forderung nach der Sharia. Dasselbe Konzept wie schon vor 80 Jahren, als den Juden ua. diverse „volkszersetzende, parasitäre“ Eigenschaften unterstellt wurden. Es wird mit zweierlei Maß gemessen, denn den Muslimen, die in Österreich seit 1912 als Religionsgemeinschaft anerkannt sind, wird im Unterschied zu den Gläubigen anderer Religionen im Land unterstellt, dass ohnehin alle radikal wären und nach Erreichen einer kritische Masse, die Sharia einfordern und unsere Sitten und Traditionen austauschen wollten.
Ist man mit dem Namen Mohammed automatisch Moslem? Nein.
Ist man als Moslem automatisch radikal? Nein.
Ist man als Moslem automatisch ein schlechter Mensch? Nein.

Auch erkennen alle Muslime, die wir kennen, mit denen wir gesprochen haben, den Staat und seine Gesetze an und niemanden von ihnen interessiert es, die Sharia ins Strafgesetzbuch aufnehmen lassen, oder gar generell einführen zu wollen. Keiner von ihnen will unsere Bevölkerung austauschen und unsere gemeinsame Heimat zu einem islamischen Staat machen.

 

Zum Schluss haben wir die Zahlen der Berliner Standesämter aufgeschlüsselt, die ebenfalls ganz offensichtlich zeigen, dass ein paar Mohammeds nicht das Problem Deutschlands oder Österreichs sind, sondern rechtsextreme Hetzer wie Heinz-Christian Strache oder Alice Weidel von der deutschen AFD, zu der es zum selben Thema HIER einen Artikel gibt.

„Mohammed“ phonetisch (mit allen Schreibweisen) in Berlin

Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf
Mohammed unter den ersten 30 häufigsten Namen: 0
Anzahl: 19

Berlin Friedrichshain-Kreuzberg
Mohammed unter den ersten 30 häufigsten Namen: 10. (gemeinsam mit 6 weiteren Namen)
Anzahl: 34

Berlin Lichtenberg
Mohammed unter den ersten 30 häufigsten Namen: 0
Anzahl: 17

Berlin Marzahn-Hellersdorf
Mohammed unter den ersten 30 häufigsten Namen: 0
Anzahl: 4

Berlin mitte
Mohammed unter den ersten 30 häufigsten Namen: 0
Anzahl: 62

Berlin Neukölln
Mohammed unter den ersten 30 häufigsten Namen: 8.
Anzahl: 47

Berlin Pankow
Mohammed unter den ersten 30 häufigsten Namen: 0
Anzahl: 4

Berlin Reinickendorf
Mohammed unter den ersten 30 häufigsten Namen: 3. (gemeinsam mit 7 weiteren Namen)
Anzahl: 13

Berlin Spandau
Mohammed unter den ersten 30 häufigsten Namen: 0
Anzahl: 19

Berlin Steglitz-Zehlendorf
Mohammed unter den ersten 30 häufigsten Namen: 0
Anzahl: 4

Berlin Tempelhof-Schöneberg
Mohammed unter den ersten 30 häufigsten Namen: 0
Anzahl: 31

Berlin Treptow-Köpenick
Mohammed unter den ersten 30 häufigsten Namen: 0
Anzahl: 3

Total: 257

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